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Zwei Reiseblogger tingeln durch die Welt

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Von Couch zu Couch durch die Welt

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Die Reiseblogger Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma sind seit fünf Jahren auf Reisen. Was sie erlebt haben, wie sie sich finanzieren und ob sie Heimweh plagt, haben sie in ihrem Buch  „Per Anhalter durch Südamerika“, erschienen im Piper-Verlag (München/Berlin 2016, 432 Seiten, 16 Euro), festgehalten.

Fotos: privat

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Von Hannah Schmitz

Auf dem Deck der El Aquidabán ist es eng. Die Menschen nutzen die Flussfahrt auf dem Rio Paraguay dafür, alle möglichen Waren – Bananen, Windeln, Stühle und Matratzen – zu transportieren. Die Reiseblogger Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma sind mitten zwischen ihnen eingequetscht. Eigentlich wollte das norddeutsche Paar entspannt den Fluss bis an die brasilianische Grenze schippern.

Sonne tanken, in Hängematten liegen, die Seele baumeln lassen. Spätestens als aus dem Handylautsprecher eines einheimischen Mitreisenden „Brother Louie Louie Louie“ von Modern Talking scheppert, wissen sie: Reisen ist ein Abenteuer.

Der heute 32-jährige Hübbe und die 30-jährige Neromand-Soma reisen inzwischen seit fünf Jahren durch die Welt – und zwar ausschließlich als Anhalter und mit öffentlichen Verkehrsmitteln sowie per Couchsurfing. Ihre Ausgaben sind minimal, ihr ökologischer Fußabdruck auch. „Wir greifen nur auf den Verkehr zurück, der sowieso schon unterwegs ist“, erklärt Morten Hübbe ihr Reiseprinzip.

2011 starteten die beiden in ihr erstes großes Reiseabenteuer, das sie am Ende zwei Jahre durch Südamerika führte. Sie hatten gerade ihren Master in Literatur und Medien in Essen abgeschlossen und wenig Lust, direkt in das Berufsleben zu starten.

Bild: Reisen per Anhalter: Auf dem Weg nach Feuerland.


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Stattdessen wollten sie jeweils ein sechsmonatiges Praktikum in Buenos Aires, Argentinien, absolvieren. Dort lernten sie Südamerikaner aus dem ganzen Kontinent kennen, die von ihrer Heimat erzählten – und die beiden damit zum Reisen verführten. Kurz entschlossen disponierten Hübbe und Neromand-Soma um. „Wir wollten erst wieder nach Hause, wenn wir in jedem südamerikanischen Land gewesen sind“, erzählt Neromand-Soma.

Von Argentinien reisen sie nach Uruguay, von Uruguay nach Paraguay, von dort weiter nach Bolivien. Ewig müssen sie an der Grenzen warten, bis sie es nach Bolivien schaffen. Sie sind im paraguayanischen Chaco – irgendwo im Nirgendwo. Auf den Straßen ist so gut wie kein Verkehr. Nachts gesellen sich Straßenhunde zu ihnen und lecken die Reste aus der Sardinenbüchse. Die Nacht ist bitterkalt. Am nächsten Morgen um 5 Uhr fährt endlich ein LKW vorbei und hält an. Sie erreichen Bolivien.

Diese Art zu reisen ist nicht nur low-budget, sie ist auch oft wenig komfortabel. Kein Vergleich mit einem gemütlichen Zehn-Tage-Urlaub auf Fuerteventura, nicht einmal ein Vergleich mit den für Abiturienten fast zum Standard gewordenen Backpacking-Reisen nach Australien.

Das Paar bloggt über seine Reisen auf www.nuestra-america.de und verdient damit ein wenig Geld. Zudem haben sie über ihre Südamerika-Reise ein Buch veröffentlicht. Ansonsten halten sie sich unterwegs mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Sie waren zum Beispiel Tellerwäscher, Holzfäller und Farmer und haben manchmal für ein Gehalt, manchmal für Kost und Logis gearbeitet.

Bild: Am Fitz Roy Massiv in Patagonien.

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Ihre Art zu reisen möchten sie nicht missen: „Wir haben das Reisen per Anhalter und mit Couchsurfing für uns entdeckt, weil wir so in einen intensiven Kontakt mit den Einheimischen treten können. Allein dadurch, dass wir mit den Menschen vor Ort sprachen, haben wir viel über das alltägliche Leben, aber auch über Politik und Missstände in den einzelnen südamerikanischen Ländern gelernt“, erzählen sie.

Von Bolivien geht es für die zwei weiter nach Peru, von Peru nach Brasilien, von dort nach Patagonien und Chile. In Ecuador kommen sie in die Mitte der Welt, an den Breiten- und Längengrad Null-Null-Null. Von dort geht es weiter zu den Galapagos-Inseln, auf denen Charles Darwin einst die endemische Tierwelt erforscht hat. Sie sehen einen Naturreichtum, der den Atem verschlägt. Riesenschildkröten, die für zehn Schritte etwa drei Minuten brauchen. Sie lernen zutrauliche Seelöwen kennen, beobachten Pelikane im Sturzflug. Je länger sie unterwegs sind, desto stärker merken sie: Sie sind glücklich mit dem Reisen. Durch das Couchsurfing lernen sie viele Menschen kennen, schließen Freundschaften. „Unsere Gastgeber waren ausgesprochen hilfsbereit und engagiert. Sie betrieben häufig einen Extra-Aufwand, damit wir uns als ihre Gäste wohlfühlten“, erzählen die Reise-Enthusiasten im Rückblick. Vermissen sie denn gar nichts beim Reisen?

„Doch“, sagt Neromand-Soma. „Zum Beispiel Freunde und Familie, Menschen die uns kennen und zu denen wir eine tiefe Bindung haben.“ An Weihnachten schlage das Heimweh manchmal auch zu: Dann vermissen sie Glühwein, Dominosteine und Lebkuchen. Es fällt ihnen noch mehr ein: Der fehlende Wechsel der Jahreszeiten geht zum Beispiel dem 32-jährigen Hübbe schwer ab. Ihm fehlt der Unterschied zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Bild: Auf den Galapagos-Inseln gibt es die seltensten Tierarten der Welt. Die zwei Reiseblogger haben dort unter anderem eine Riesenschildkröte entdeckt.

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Den erleben die Reiseblogger nur mehr geographisch. Auch Käse, Brot, Senf und Bier vermissen sie. „Aber für alles gibt es auch Kompensationen.“
Viele ihrer Mitfahr- und Schlafgelegenheiten halten die zwei Abenteurer als Foto fest. Zu einigen von ihnen haben sie noch immer Kontakt. Etwa zu Belen aus Ushuaia, Feuerland, Argentinien. Sie hat zwei Kinder und die zwei Couchsurfer aus Deutschland zusätzlich für eine Weile aufgenommen. „Bei ihr haben wir uns ganz natürlich sehr wohl gefühlt. Sprichwörtlich vom ersten Augenblick waren wir wie Freunde zueinander.“

Ihre Ankunft nach 56 000 zurückgelegten südamerikanischen Kilometern in Deutschland ist dagegen herb. Hübbe hat sich einen dichten Rauschebart wachsen lassen, ihre Kleidung ist abgenutzt. Sie stehen an der Autobahnraststätte bei Frechen nahe Köln, kurz hinter der deutsch-belgischen Grenze. Auf einmal gibt es keine Mitfahrgelegenheiten mehr, Autofahrer, so berichten es beide, halten sie offenbar für obdachlos, für Penner. Sie werden von Weitem weggewunken. „Deutschland desillusioniert uns“ schreiben sie nach dieser Erfahrung auf ihrem Blog.

Bild: Nach ihrer Südamerika-Tour hat es die zwei Reisenden nicht lange in Deutschland gehalten. Hier ist der Personalausweis von Rochssare Neromand-Soma zu sehen: „Keine Hauptwohnung in Deutschland“.

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Dennoch bleiben sie. Erst einmal. Sie ziehen nach Berlin, melden eine Wohnung an. Sind wieder angekommen. Doch ein Bein streckt sich schon wieder ins Reisen. Warum nicht noch mehr sehen von der Welt? Sie planen ihren nächsten Trip: Auf dem Landweg wollen sie es bis nach Indien schaffen. Per Anhalter und Couchsurfing. Wieder trennen sie sich von allem Materiellen, das sie haben. Auf ihren Personalausweisen klebt nun ein Papier: „Keine Hauptwohnung in Deutschland“. Rochssare Neromand-Soma postet das Foto auf Facebook. Es ist ein großer Schritt. Das war 2014.
Inzwischen sind die beiden in der internationalen Öko-Kommune Auroville im Süden Indiens. Seit 50 Jahren versuchen dort Menschen ein alternatives Lebensmodell zu entwickeln, das nachhaltig und schonend mit der Umwelt umgeht. Vor einem halben Jahrhundert war die Gegend unfruchtbares Land, viele Brunnen der umliegenden Dörfer waren versiegt, es lebten kaum wilde Tiere dort. Heute befindet sich Auroville in einem tropischen Trockenwald, der einst typisch für diese Region war.

Bild: Auf einer Wanderung im Himalaya-Gebirge gerieten Hübbe und Neromand-Soma in einen Schneesturm. Alles um sie herum war anschließend weiß. Das blendete so sehr, dass beide einige Tage schneeblind waren.

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Die zwei kurbeln die Waschmaschine mit Pedaltritten eines Fahrrads an, ernähren sich von organischer Landwirtschaft und leben in Häusern aus Lehm. In etwa einem Monat wollen sie weiterziehen. Dann trampen sie entlang der Ostküste Indiens nordwärts, bis sie Kalkutta und Darjeeling erreichen werden. Anschließend wollen sie nach Bangladesch.

Die Blogger und Autoren schreiben schon an ihrem nächsten Buch über ihre Reise nach Indien. Mit dem Reisen wollen sie danach nicht aufhören. Afrika oder Mittelamerika reize sie auch. Können sie sich noch vorstellen, irgendwo sesshft zu werden? „Wahrscheinlich kommt irgendwann der Punkt, an dem wir sesshaft werden wollen. Noch fühlen wir uns aber nicht danach, dafür reisen wir viel zu gerne. Es gibt noch viele Ecken in der Welt, die wir nicht gesehen haben.“

Bild: Morten Hübbe im Teatro Cólon in Buenos Aires, Argentinien.

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